Nachbarschaftskrieg unter Krabbeltieren: Die Theatergruppe Lowtech Magic entführt in farbige Blätterwelten

Nachbarschaftskrieg unter Krabbeltieren: Die Theatergruppe Lowtech Magic entführt in farbige Blätterwelten

Ein Rascheln, ein Knistern und ein Knabbern: Das reicht schon, um den Käfer, der es sich soeben bequem gemacht hatte auf seinem gemütlichen Blatt, misstrauisch zu machen. Ein Blatt, das bald nicht mehr aussieht, wie zuvor. Eine gefrässige Raupe im pinken Pelzmäntelchen frisst sich Loch für Loch zu ihrer Nachbarin hindurch, bis von dem Laub nur noch Fetzen übrig sind.

Beide Krabbeltiere haben sich auf jeweils einer Seite desselben Blattes eingenistet, also muss man sich irgendwie arrangieren. Die Antwort ist schwieriger, aber auch irgendwie einfacher als gedacht: Schliesslich muss man sich zuerst einmal richtig kennen lernen und sehen, dass man gar nicht so unterschiedlich ist. Die Schauspielerinnen auf der Bühne der Tuchlaube setzen dies tanzend und turnend um, in einer Mischung aus Ausdruckstanz und intuitiven Bewegungen, die an die Tierchen und auch an uns selbst erinnern.

Unterstrichen von mal sphärischer, mal handlungstragender Musik spielen Cornelia Hanselmann und Louise Schaap einen uralten und brandaktuellen Problemkomplex durch: Besitzansprüche, Eigenbrötlerei, Gier und die Sehnsucht nach einem wohligen Zuhause, aber auch grenzenlose Neugierde lassen die Mehrbeiner zuerst aneinandergeraten und dann Freundschaft schliessen. Denn: Zusammen können sie auch den sprichwörtlichen Sturm überstehen.

Unter der Regie von Ruth Huber hat die Gruppe Lowtech Magic mit der fantasievollen und assoziativen Musik von Fatima Dunn ein kleines Lehrstück über Freundschaft und die Grenzenlosigkeit der Träumereien und Hoffnungen auf die Beine gestellt, welches den Dachstock der Tuchlaube mit Kindergelächter und Lichtspielen ausfüllt.

Der Name ist Programm bei der Theatergruppe Lowtech Magic: Mit wenigen einfachen, aber umso schlauer eingesetzten Mitteln erwecken sie die Illusion, dass der Theatersaal einmal ein löchriges Blatt, einmal die farbige Baumkrone mitten im Wald und einmal die dunkle Nacht sei, durch welche man im Nu bis zum Mond geflogen ist. Obwohl die Requisiten sich auf ein paar Schichten Packpapier, Taschenlampen und eine kleine Leiter mit Podest beschränken, lassen Schaap und Hanselmann mit Stift und Schere das Blatt und die Wände funkeln und leuchten.

Dazu passen Fatima Dunns Kompositionen, die auch mal das Abbeissen von einem Apfel und die darauffolgenden Schmatzgeräusche beinhalten und von einer Loop-Station unterstützt werden, wodurch das Ein-Frau-Orchester eine Dauerpräsenz hat und das Geschehen punktgenau begleitet und kommentiert.

Vom kleinsten Blatt bis hin zum Mond

Die Frage nach dem Zuhause ist für das Kollektiv kein Neuland. Schon das Stück «Drinnen regnet es nicht», welches im Rahmen von First Steps AG verwirklicht wurde, behandelte den Gegensatz zwischen einem geschützten Raum, in welchem die eigenen Regeln gelten, und einer unbekannten Aussenwelt, die einige Abenteuer zu bieten hat – und viel weniger einsam ist als die eigenen vier Wände. Cornelia Hanselmann und Ruth Huber wirkten ausserdem bei der Produktion des Landschaftstheaters Lenzburg 2017 mit, als unter dem Titel «Transit. (Home)» neue Wege in eine andere Heimat beschritten wurden.

Die Begrenztheit des Raums und das Durchbrechen der Grenzen findet sich in «Mampf!» besonders schön wieder: Vom kleinsten Blatt bis hin zum Mond erstreckt sich das Mikro-Universum auf der Bühne, die Beziehung zwischen Käfer und Raupe reicht vom ersten Kennenlernen bis zum gemeinsamen Davonfliegen, nachdem aus der Raupe ein Schmetterling geworden ist. Auch das gehört zum Theater von Lowtech Magic: Die kleinen Wunder, die grossen Ziele sowie das Streiten und sich Versöhnen; alles Kindermund-gerecht zurechtgeschnitten, um den Appetit auf das Theater anzuregen.