Operette Mörikon Wildegg begeistert mit Neuinszenierung von «Die lustige Witwe»

Operette Mörikon Wildegg begeistert mit Neuinszenierung von «Die lustige Witwe»

Am Samstagabend hat es in Möriken geschneit und im Gemeindesaal wurde «Oh du fröhliche» gesungen. Der ganz normale Wahnsinn? Nein – eine mitreissende Inszenierung von Franz Lehárs «Die lustige Witwe». Der Wahn unzähliger Regisseure, alles, was auch nur einen Hauch von Patina angesetzt hat – egal ob Schauspiel, Oper oder Operette –, komplett neu zu erfinden, ist sehr verbreitet.

Selten macht das Ergebnis viel Freude. Simon Burkhalters Inszenierung der «Witwe» indes begeistert vorbehaltlos. Das liegt einerseits daran, dass der 25-jährige Bernbieter sich des Librettos sehr klug, respekt- und liebevoll angenommen hat – und andererseits an einer enormen Fülle sprühender Regie-Einfälle.

«Die lustige Witwe», 1905 uraufgeführt, ist eine der meistgespielten und beliebtesten Wiener Operetten. Die Handlung, in der sich zu Liebe und (Un)treue auch eine ordentliche Portion politisches Kalkül gesellt, führt nach Paris, wo sich der pontevedrinische Staatspräsident in seiner Gesandtschaft mit dem bevorstehenden Bankrott seines Landes konfrontiert sieht.

Doch siehe da – als rettender Engel naht die milliarden-schwere Witwe Hanna Glawari, die Pontevedrino vor Jahrzehnten den Rücken gekehrt hatte. Ein pontevedrinischer Bräutigam muss her.

Charme, Schwung und eine attraktive Prise Erotik

Burkhalter lässt die Witwe mit Gehstock auftreten: Der Einfall, die Parallele zu Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» aufzuzeigen, überzeugt ebenso, wie das von Burkhalter entworfene Bühnenbild verblüfft: Raumfüllende Treppen ermöglichen es den Mitwirkenden auf drei Ebenen zu agieren; leicht verschiebbare Stellwände und wechselnde Prospekte im Hintergrund lassen die wechselnden Spielorte in rascher Folge nahtlos aneinanderreihen. Mit den bearbeiteten Dialogen, denen Burkhal- ter seinen originellen Stempel aufgedrückt hat und mit seinem Regie-Konzept scheint diese «Witwe» frisch vom Schönheitschirurgen zu kommen. Die «Falten» sind sorgsam gestrafft, Handlung und handelnde Personen agieren mit so viel gewinnendem Charme, Witz, Schwung und einer attraktiven Prise Erotik, dass selbst eingefleischte Operetten-Puristen sich der umwerfenden Wirkung wohl kaum entziehen können.

So hat man beispielsweise den Besuch «Chez Maxim» mit den überraschenden Show-Einlagen noch selten so lustvoll erlebt, und das Liebesduett «Lippen schweigen» ebenso selten so sensitiv gesungen und von Danilo am Flügel begleitet gehört. Ohne Mittun des ganzen Ensembles vor und hinter der Bühne und im Orchestergraben ist die Arbeit eines Regisseurs null und nichtig. Hier nun sind sämtliche Mitwirkende klar erkennbar zu einer Einheit verschmolzen. Angefangen bei den «Haute Couture»-Kostümen, über Maske und Lichtdesign, das bestens eingestimmte Orchester unter Leitung von Renato Botti und den Chor. Von ihm ist man in Möriken seit Jahren beste Leistungen gewohnt; in dieser Produktion wachsen die Damen und Herren nicht nur gesanglich, sondern auch spielerisch über sich selber hinaus. Einen besonderen Augenschmaus bieten die beiden klassischen Balletteinlagen der 19-jährigen Dilsah Bilge und des zwei Jahre Jüngeren Leon Weill, beide noch in Ausbildung am Ballettstudio vom Zürcher Opernhaus.

Die Solisten, egal ob in eher kleiner oder in tragender Rolle, beglücken stimmlich und begeistern darstellerisch. Alle haben die Intentionen des Regisseurs spürbar mit Begeisterung verinnerlicht. Stellvertretend für alle seien die Protagonisten erwähnt: Andrea Hofstetter gibt «die alte Dame» hinter der Glawari bravourös und Raimund Wiederkehr ist ein herrlich temperamentvoller Danilo. Niklaus Rüegg heimst als köstlich-komödiantischer Staatspräsident die meisten Lacher ein; der in wehmütigen Erinnerungen schwelgende Negus von Erich Zwahlen hingegen entlockt dem Publikum den einen oder anderen leisen Seufzer. Überzeugend hin- und hergerissen zwischen Ehe und Affäre ist Flurina Ruoss als Valencienne. Den hohen Ansprüchen mag einzig Fabio De Giacomi als Camille de Rossillon nicht ganz zu genügen.

Als Fazit steht eine klare Erkenntnis im Raum: Nach dieser «Die lustige Witwe» müssen die anderen Operettenbühnen im Aargau und darüber hinaus über die Bücher, denn mit dieser Inszenierung setzt Möriken-Wildegg neue Massstäbe.