«Sie erinnerten ihn an seine Untat» – Norwegen ist ein Leseland zum Entdecken

«Sie erinnerten ihn an seine Untat» – Norwegen ist ein Leseland zum Entdecken

Wälder, Weite, kühles Licht des Nordens – kann dies vermittelt werden in den vier Wänden des Frankfurter Ehrengast-Pavillons? Der Boden spiegelnd weiss, an den Längsseiten riesige Schwarz-Weiss-Fotos von lichtem Birkenwald, die kurzen Wände aus zitternden Spiegelwänden: Betrat man den Pavillon des diesjährigen Ehrengasts Norwegen zum ersten Mal, entstand durch den beidseitig in die Länge gezogenen Raum tatsächlich ein Eindruck von unabsehbarer Weite.

Sofort war die Erinnerung da an den magisch verwinkelten Kosmos aus Nischen, mit dem sich der Ehrengast Island, oder die streichholzhaft fragilen Bücherregalkonstruktionen, mit denen Frankreich sich präsentiert hatte.

Viel Publikum auch bei Neuentdeckungen

Nun also: Weite. In vielfacher Hinsicht. Auf den beiden im Raum verteilten Bühnen fanden sich an jedem Messetag im Halbstundentakt norwegische Autorinnen und Autoren ein, meist zu zweit, denn wie es scheint, konnte die grosse Menge der auch ins Deutsche übersetzten Schreibenden des Landes nur so bewältigt werden.

Dass die vielen Sitzreihen vor den Bühnen nicht nur bei populären Autoren wie Jan Fosse oder Karl Ove Knausgard, bei Asne Seierstad und Lars Mytting nicht ausreichten, sondern dass sich auch bei weniger bekannten Autorinnen wie Kjersti Skomsvold, Agnes Ravatn oder Helga Flatland das Publikum rund um die Bühne die Beine in den Bauch stand, machte sehr anschaulich und bewusst, wie breit übersetzt, wie präsent die norwegische Literatur im deutschsprachigen Raum längst ist.

In Norwegen wurde Vigdis Hjorth heftiger diskutiert als Knausgard

Und doch ist manches Herausragende dem hiesigen Buchmarkt noch nicht in seiner Grösse aufgegangen. Man muss in diesen Tagen die «New York Times» aufschlagen oder den «New Yorker», um etwas über die literarische und inhaltliche Wucht des Romans «Arv og Miljö» zu erfahren, der in den USA gerade unter dem Titel «Will and Testament» erschienen ist und bei uns als «Bergljots Familie» vor zwei Jahren komplett übersehen wurde.

Als 2016 der Roman der 57-jährigen in Norwegen mit rund 30 Büchern sehr bekannten Autorin Vigdis Hjorth in ihrem Heimatland erschien, löste er eine stürmische und weit erbitterter als um Knausgard geführte Debatte um die Frage aus, wie viel «echtes Leben» im Roman erkennbar vorkommen darf.

Vigdis Hjoth

Vigdis Hjoth

Erst missbraucht, dann komplett ignoriert

«Meistens fühlte ich mich verstanden», sagt die heute 60-jährige, hochgewachsene, mit ihren lebhaften Augen und dem feinen Gesicht jung aussehende Autorin im Interview nachdenklich, «aber natürlich gab es auch Anfeindungen.» «Bergljots Familie» beschreibt den schmerzhaften, von der Ich-Erzählerin Bergljot hochreflektiert geführten Konflikt zwischen vier erwachsenen Geschwistern über eine tief in der Familienerinnerung vergrabene Katastrophe.

Als kleines Kind war Bergljot vom Vater sexuell missbraucht, und bald darauf von ihm völlig ignoriert worden. Ungeachtet dessen bleiben Vater und auch die bis ins Alter «kindlich gebliebene» Mutter zusammen mit Bergljots beiden jüngeren Schwestern eine verschworene, in gemeinsamen Ferien und Festen gelebte Familiengemeinschaft. Als junge Frau schon hatte Bergljot die Familie konfrontiert; seither fand die familiäre Harmonie ohne sie statt. All das bricht zu Beginn des Romans auf, als sich der älteste, ebenfalls ausgegrenzte Bruder dagegen auflehnt, dass die Eltern die beiden Ferienhäuser der Familie nur an die jüngeren Schwestern vererben wollen.

«Das, was hier passiert, kann man sehr gut auch im ganz grossen Massstab zwischen Nationen sehen», sagt Vigdis Hjorth im Interview auf die Frage, ob sie sich auch als politische Autorin sehe. «In wie vielen sogenannten Friedensprozessen müssen die Opfer einen viel höheren Aufwand betreiben als die Täter? Wie oft werden die bestraft, die Untaten benennen – und nicht die, die sie begehen?» Im Roman heisst es: «Vater ging seinen beiden ältesten Kinder aus dem Weg und fürchtete sie, weil sie ihn an seine Untat erinnerten.»

Nach einem Kindsmissbrauch sind solche Familien zerstört

Dass sie die grosse Debatte um den «Wahrheitsgehalt» des Inhalts bereits in allen Stadien durchgemacht hat, ist Vigdis Hjorth anzumerken. Sie sei dieser Debatte etwas überdrüssig, sagt sie vorsichtig. Dass Bergljots Erfahrungen in weiten Teilen ihre eigenen sind, hatte sie nicht bestritten. Vigdis Hjorth lebt schon lange in grosser Distanz zu ihrer Herkunftsfamilie; ein Jahr nach «Arv og miljö» publizierte ihre jüngere Schwester Helga einen «Gegenroman». «Mir wurde vorgeworfen, dass ich eine Familie zerstöre. Aber Familien, in denen so etwas passiert ist, sind zerstört. Wie will man nach so etwas eine glückliche Familie sein?»

Sie habe nettere Bücher geschrieben, sagt Vigdis Hjorth auf die Frage nach ihrem ganzen, noch nicht auf Deutsch erschienenen Werk, «vielleicht waren einige von ihnen eine Vorbereitung darauf, ‹Bergljot› schreiben zu können. Ich habe diesen Stoff umkreist wie ein Bildhauer, der den Stein hier und da bearbeitet, – und irgendwann muss er in den Stein schlagen und die Form herausholen, die es haben muss.»

Denn darauf kommt es ja letztlich an: «Gelingt der literarische Zugriff aufs Thema? Immer und überall sind Romane nah dran am wirklichen Leben gewesen», sagt sie, zählt historische Beispiele auf und fügt trocken hinzu: «In Norwegen sind wir vielleicht 400, 500 Schriftsteller. Sehr viele von ihnen lassen sich scheiden. Und sehr viele von ihnen schreiben darüber in ihrem nächsten Buch. Aber ob es ein gutes Buch wird, hängt davon ob, ob sie die Stimme finden, den Rhythmus.»

Wie schade, denkt man spätestens an dieser Stelle, dass ausgerechnet Per Petterson sein Kommen kurzfristig abgesagt hat. Mit seinem neuen, mitreissend erzählten Roman «Männer in meiner Lage» wäre er ein gutes Beispiel dafür gewesen, wie auch das Thema Scheidung literarisch gelingen kann.